Warum Handel friedlich macht

06.09.2013.  Oft wird gesagt, der Mensch sei schlecht. Manche sagen sogar, wir wären das grausamste Lebewesen auf Erden. Doch sind wir wirklich schlimmer als Tiere? Einander fremde Schimpansen würden sich niemals ordentlich in eine Schlange stellen, um ein Flugzeug zu besteigen. Oder sich im ICE-Bordrestaurant neben eine nervige schwäbische Reisegruppe setzen, ohne sie mit einem Steakmesser niederzustechen.

Als meine österreichische Frau zu mir nach Frankfurt gezogen ist, hat sie ihre zwei Katzen mitgebracht. Sehr süße, verschmuste Tiere. Für UNS!

Die gemeine Spitzmaus hat eine ganz andere Meinung zu Greti und Marie. Es hat genau einen Sommer lang gedauert, dann gab es in unserm Vorgarten kein einziges Lebewesen unter zehn Zentimetern mehr! Und zwar nicht, weil Greti und Marie hungrig waren, nein. Für beide war die Jagd ein reines Hobby. Erst haben sich in unserer Küche die Bäuche mit Whiskas vollgehauen, dann ging’s raus zur ethnischen Säuberung. Wir Menschen sind nicht ganz so schlecht. Es mag zum Beispiel ein paar gute Argumente für uns geben, Holland plattzumachen: Sie nerven beim Fußball, moderieren fürchterliche Gameshows und sorgen in der Urlaubszeit für Thrombose auf der A3. Der Grund, weshalb wir es nicht tun: weil wir sonst keine Blumen zum Muttertag hätten. Auch Österreich ist super. Für meine Heirat habe ich damals sogar EU-Fördergelder bekommen.

Handel begann vor etwa 10.000 Jahren


Wir Menschen müssen kooperieren, um zu überleben. Das unterscheidet uns von Katzen, Kakerlaken oder Immobilienmaklern. Begonnen hat diese Art der Zusammenarbeit vor etwa 10.000 Jahren. In dieser Zeit begannen unsere Vorfahren zum ersten Male, Handel zu betreiben. Und dadurch kam die Freundlichkeit in die Welt. Auch, wenn man sich das bei einem deutschen Fliesenleger nicht vorstellen kann.

Durch Handel haben sich die unterschiedlichsten Kulturen immer mehr vermischt. Besonders sichtbar ist das an den vielen Auswandererserien im Fernsehen. „Mein neues Leben XXL“, „Lebe Deinen Traum“, „Goodbye Deutschland“. Sendungen, in denen Heinz und Inge aus Hanau-Bruchköbel gezeigt werden, die ohne die geringsten portugiesischen Sprachkenntnisse in Rio de Janeiro eine Apfelweinkneipe eröffnen wollen. Und dann vollkommen von den Socken sind, dass man auf einem brasilianischen Wochenmarkt keine Ahnung hat, was „Handkäs mit Musik“ ist. „Des hätt isch nie gedacht. Die redde da ja ganz annerster …“ Alleine für diesen Satz wären Heinz und Inge in der Steinzeit niedergemetzelt worden.

Vor 150.000 Jahren: Kein Meeting, kein Coaching, keine Mediation, kein Telefonjoker


Wenn vor 150.000 Jahren ein männlicher Homo sapiens an ein Wasserloch kam und einem fremden Artgenossen begegnete, musste er genau vier Fragen beantworten: Männlich oder weiblich? Wenn weiblich, paarungsbereit oder nicht? Wenn männlich, Freund oder Feind? Wenn Feind, stärker oder schwächer? In nur 0,3 Sekunden mussten Sie eine klare Entscheidung treffen. Sonst gab es nichts mehr zu entscheiden. Kein Meeting, kein Coaching, keine Mediation, kein Telefonjoker. Im Grunde lief vor 150 000 Jahren alles auf die Alternative hinaus: „Vögle es oder töte es.“

Und dann kam Starbucks. Zehn, zwölf Entscheidungen nur, um einen simplen Kaffee zu bestellen. Ein Vorgang, bei dem der Neandertaler schon nach der Frage „Tall, Grande oder Venti?“ die Steinaxt gezogen hätte. 99 Prozent unserer Entwicklungsgeschichte haben wir uns sinnlos die Birne eingehauen. Schädelfunde an Frühmenschen zeigen, dass nahezu ein Drittel unserer Vorfahren durch Gewalt ums Leben kam. Doch irgendwann haben wir den Knüppel gegen die Kreditkarte getauscht. Wir kaufen und verkaufen und machen Geschäfte mit Völkern, die unsere Ur-Urgroßväter noch als Sklaven gehalten haben.

Handel hat uns zu friedlichen Menschen gemacht. Einzig beim Sommerschlussverkauf fallen wir kurz wieder in die Steinzeit zurück.

Über den Autoren: Vince Ebert ist Physiker und Kabarettist und mit seinem Bühnenprogramm "Freiheit ist alles" deutschlandweit auf Tournee. Er ist auch Kolumnist der absatzwirtschaft. Tourdaten unter www.vince-ebert.de.

6. September 2013

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