Warum glauben so viele Intellektuelle, der Kapitalismus würde uns alle zerstören?

13.01.2012.  Kapitalismuskritk ist en vogue. Manchmal hat man fast das Gefühl, dass schon zu hohe Einkünfte verwerflich sind. Aber echte Kapitalisten (wenn man sie überhaupt so nennen kann) nehmen nicht nur - sie geben der Gesellschaft auch etwas zurück.Eine gewöhnungsbedürftige, aber nicht abwegige Vorstellung, die so manchem linksangehauchten Intellektuellen auf den ersten Blick vielleicht sogar wehtut. Aber Vince Ebert macht eine interessante Rechnung auf.

Neulich unterhielt ich mich auf einer Vernissage mit einem angesehenen Philosophen über die aktuelle Wirtschaftslage in Deutschland. Während ich mich über den soliden Konsum und die niedrigen Arbeitslosenzahlen freute, war der smarte Geisteswissenschaftler skeptisch. "Wir haben viel zu viele Dinge, die wir nicht brauchen. Wir müssen wieder lernen zu verzichten", meinte er stirnrunzelnd und nippte an seinem Champagnerglas. Aha. Komischerweise reden immer nur diejenigen von Verzicht, die sich sowieso alles leisten können. Freie Märkte, fiel ihm ein renommierter Soziologe ins Wort und griff nach den Shrimps-Kanapees, würden uns alle unweigerlich in den moralischen, ökologischen und sozialen Ruin treiben. Ich nickte und dachte an meinen letzten Aufenthalt in der Schweiz. Hatte ich doch dort mit eigenen Augen gesehen, wie erschreckend die Lebensqualität in Lausanne, Zürich oder Genf ist. Da sollte sich der freie Markt mal lieber an Nordkorea oder Kuba ein Beispiel nehmen.

Warum nur sind so viele Intellektuelle in den Gedanken verliebt, der Kapitalismus würde uns alle zerstören? Dazu ein kleines Beispiel: Zwei Bekannte von mir haben ihr Studium mit Auszeichnung gemacht. Der eine, nette, war ein philosophisch interessierter Visionär mit einem tiefen Gerechtigkeitssinn. Der andere war schon in der Schule ein oberflächlicher Materialist, der unbedingt Karriere machen wollte. Nach dem Studium schließt sich der Idealist Greenpeace an, kettet sich an einen Mammutbaum, zerstört Genmaisfelder und hält Walfangboote mit dem Schlauchboot auf. Der Yuppie hingegen wird Investmentbanker, verkauft faule Derivate und kassiert 500 000 Euro pro Jahr. Versteuern tut er nur 300 000 - den Rest hinterzieht er.

Die Ironie an der Geschichte ist: Während der intellektuelle Weltverbesserer einen Baum gerettet hat, der drei Monate später gerodet wurde, und außerdem ein paar Bauern und Walfängern gehörig auf den Geist gegangen ist, hat das Arschloch im Designeranzug der Gesellschaft 150 000 Euro Steuern für Schulen, Straßen und Kultureinrichtungen eingebracht. Von den unterschlagenen 200 000 Euro kauft er Autos, Schmuck und teures Essen, bezahlt seine Putzfrau, seinen Golflehrer und seinen Koksdealer. Der engagierte Gerechtigkeitsfanatiker kostet nur, der entfesselte Turbokapitalist gibt - ohne, dass er das will - der Gesellschaft etwas zurück.

Das ist das Raffinierte am Kapitalismus. Man muss kein guter Mensch sein, um sich moralisch gut zu verhalten. Denn Kapitalismus dient nicht einem höheren Zweck. Er ist das einzige Wirtschaftssystem, das keine Ideologie darstellt. Wahrscheinlich ist es genau das, was viele Intellektuelle daran so stört. Auch ich dachte lange Zeit, Kapitalisten sind allesamt rücksichtslose, kaltherzige Menschen. Mit 17 lud mich ein Schulkollege zu seinem Geburtstag ein. Da sein Vater Unternehmer war, wohnte er mit seiner Familie in einer ziemlich beeindruckenden Villa. Ich betrat leicht angewidert die Eingangshalle, die so aussah, als ob jetzt gleich J.R. die Treppen herunterkommen würde, um Dinge zu sagen wie: "Sue Ellen trinkt wieder ..." Zu meiner Überraschung betrat ein zurückhaltender, älterer Herr den Raum, der sich im Laufe des Abends als weitaus sozialer, nachdenklicher und verantwortungsbewusster entpuppte, als alle meine Bekannten, die solche Menschen als "Kapitalistenschweine" beschimpften. Nach diesem Abend beschloss auch ich, ein Kapitalist zu werden. Verzeiht mir, liebe Intellektuelle ...

Vince Ebert ist Physiker und Kabarettist und mit seinem Bühnenprogramm "Freiheit ist alles" deutschlandweit auf Tournee. Er ist auch Kolumnist der absatzwirtschaft. Tourdaten unter www.vince-ebert.de.

13. Januar 2012

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Kommentare (25)

  • 03.07. 18:37Spam melden
    [25] Tobias

    Vince Ebert habe ich erst vor kurzem entdeckt, meine Liebe zum politischen Kabarett sank zunehmenst, da Kabarettisten nicht nur mehr Fehler aufzeigen, sondern ihre ganz eigenen Lösungen präsentieren die sich nicht mit den meinigen Überzeugungen decken. Um so erfreulicher das neben Schramm/Pispers/Rether und all den anderen links propagierenden Kleinkunstartisten nun hier eine Alternative besteht!

    Wer Vince Ebert nicht verstehen sollte, Wer eine der großen Etablierten Parteien wählt (Ja, auch FDP) dem empfehle ich „Sozialdemokratische Zukunftsbilder frei nach Bebel“ von Eugen Richter, gerne auch auf Anfrage via PDF!

    "Wer diesen Achtzig-Prozent Sozialismus als Kapitalismus bezeichnet, muss mit ideologischer Blindheit geschlagen sein." - Roland Baader

    Liebe Grüße
    Tobias

  • 05.05. 21:53Spam melden
    [24] Marwin

    Ich nehme mal an, dass es sich bei diesem Artikel um pure Satire handelt. Leider glauben tatsächlich viele Menschen an eine segensreiche Wirkung des Kapitalismus, segensreich im Sinne von gut für alle. Und gerade diese Verfechter verschließen die Augen vor der Realität und den negativen Auswirkungen der Kategorien des Kapitalismus und kommen sich selbst aber besonders aufgeklärt und human vor.

  • 14.02. 10:10Spam melden
    [23] Totale Fehldiagnose

    Vielleicht sollte Herr Ebert mal bei Georg Schramm oder Erwin Pelzig in die Lehre gehen. Andererseits: Beobachtungsgabe kann man nicht lernen.
    Der faule Derivate verkaufende Investmentbanker, den Herr Ebert bejubelt, hat sein Geld durch Betrug an der Gesellschaft gemacht. Steuerzahlung auf Betrug und Ausbeutung machen sein parasitäres Geschäftsmodell nicht akzeptabel. Ein everachtenswerte Haltung.

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  • Vince Ebert ist Physiker und Kabarettist und mit seinem Bühnenprogramm "Freiheit ist alles" deutschlandweit auf Tournee. Er ist zudem Kolumnist der absatzwirtschaft. Tourdaten unter www.vince-ebert.de.

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  • Jürgen Gietl, Managing Partner bei Brand Trust, ist Spezialist für Technologiemarken, B2B-Markenführung und Markenarchitektur. Er begleitet Konzerne und mittelständische Unternehmen bei Entwicklung und Umsetzung von Markenstrategien. Er ist Autor des Buches VALUE BRANDING. Brand Trust

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  • Jürgen Häusler ist Chairman von Interbrand Central and Eastern Europe. Der Markenexperte betreut renommierte Unternehmen in der strategischen Markenführung. Er ist Honorarprofessor für Strategische Unternehmenskommunikation an der Universität Leipzig, publiziert laufend zum Thema Marke und hält Vorträge an Universitäten, auf Kongressen und Tagungen.

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  • Malte W. Wilkes ist Seniorpartner der Management Consultancy Erfolgsketten Management Wilkes Stange GbR, Redner, Moderator, Diskutant, Buchautor, Pionierexperte in Customer Centricity und Ehrenpräsident des BDU Bundesverband Deutscher Unternehmensberater.