Suchen Sie nach neuen, immateriellen Märkten!

09.12.2011.  Wir werden uns in den entwickelten Volkswirtschaften an geringes oder an gar kein Wachstum gewöhnen müssen. Wachstum wird es größtenteils nur noch in neuen Märkten und Geschäftsfeldern geben. Für manche Wirtschaftszweige mag diese Aussage zunächst pessimistisch klingen. Für mich sind dies aber Umbrüche, die notwendig sind, um die Entwicklung von Gesellschaften voranzutreiben: Es wäre im Gegenteil ein Ausdruck tiefster Stagnation, wenn man über Jahrzehnte hinweg in derselben Art und Weise erfolgreich wirtschaften könnte.

Wenn heute von „gesättigten Märkten“ die Rede ist, so sind in erster Linie Märkte gemeint, deren Blütephase als Innovations- und Wachstumstreiber sich dem Ende zuneigt. Wenn etwa die Entwicklung eines noch etwas leistungsfähigeren Smartphones als „Revolution“ vermarktet wird, offenbart sich die Endlichkeit der in solchen Märkten mobilisierbaren Innovationskräfte. Dass sich heute viele Menschen unter dem Begriff „Innovation“ nicht sehr viel mehr als die Miniaturausgabe oder die Energiesparvariante bereits existierender Dinge vorstellen können, ist ein Indiz dafür, dass wir uns heute in vielen Märkten dem Ende einer Ära nähern.

Innerhalb dieser Märkte langfristig auf neue Wachstumsschübe zu setzen, ist riskant – oft riskanter, als sich auf die Suche nach neuen erfolgversprechenden Märkten und Produkten zu machen. Meines Erachtens nach bieten die Zukunftsforschung sowie das Zukunftsmanagement eine schier unerschöpfliche Fülle an Hinweisen auf Zukunftsmärkte und Zukunftschancen. Wichtig ist, dass man Phasen fehlenden Wachstums nicht als den Anfang vom Ende, sondern als Signale dafür wahrnimmt, dass alte Konzepte überdacht und neue Märkte entwickelt werden müssen.

Das Wachstum in den entwickelten Volkswirtschaften wird künftig an neuen Märkten generiert. Wir nennen dies die Tertiarisierung oder die Quartarisierung der Wirtschaft. Gemeint ist damit der Trend hin zu mehr Wissensarbeit, weg von auf die Produktion materieller Güter fokussierten Wirtschaftszweigen. In Zukunft könnte sogar eine ‚Quintisierung‘ der Wirtschaft, also das Aufleben ‚emotionaler Dienstleistungen‘, ein bedeutender Bereich werden. Damit diese Bereiche expandieren, ist die Sättigung materieller Märkte gewissermaßen eine Grundvoraussetzung. Erst wenn die Bedürfnisse der Menschen, was ‚Dinge‘ anbelangt, im Großen und Ganzen befriedigt sind, werden sie sich mit höheren Bedürfnissen und Motiven befassen.

Es steht außer Frage, dass sich neue, vor allem immaterielle Bedürfnisse entwickeln: Da sich Menschen immer weiterentwickeln wollen, wird es keine Stagnation der Bedürfnisse an sich geben. Im Grunde erhöht schon seit langem nicht der materielle Wohlstand, sondern der immaterielle Wohlstand das Lebensglück der Menschen. Schon heute äußern sich viele dieser neuen Bedürfnisse: Der Wunsch nach Lärmreduktion, nach Vereinfachung technischer Geräte, nach Emissionsfreiheit, nach stärkerer Eigenverantwortung und Barrierefreiheit oder auch nach „Seelenfrieden“ sind Beispiele dafür.

Unternehmen müssen diese stärker werdenden Wünsche und Anforderungen als Chancen erkennen, sich selbst gewissermaßen neu zu erfinden. Voraussetzung dafür ist, dass sich Unternehmen wieder verstärkt als „Wunscherfüller“ und „Bereitsteller erwünschter Wirkungen“ verstehen. Ein auf dieser Basis generiertes Wachstum ist dann in der Tat eines, das auch „glücklicher“ macht und wirklich nachhaltig erzielbar ist. Die Versuche, die volkswirtschaftliche Berechnung von Wohlstand zu verändern und Aspekte von „Glück“ zu integrieren, sind klare Indizien dafür, dass allmählich ein Umdenken in diese Richtung stattfindet.

Wer auf das Anziehen der Konjunktur wartet, wird vergeblich warten. Er wird den Beginn einer neuen Ära verschlafen. Er wird die Chance verpassen, selbst zum Wachstumsmotor zu werden und die eigene Konjunktur zu schaffen.

Über den Autor:
Dr. Pero Micic ist Experte für Zukunftsmanagement und Vorstand der in Eltville am Rhein ansässigen Futuremanagementgroup AG.

9. Dezember 2011

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Kommentare (1)

  • 22.12. 13:04Spam melden
    [1] Irene Maria Klöppel

    Wenn ich Dr. Micic recht verstehe, kann es sehr wohl Wachstum geben, nur eben immer weniger in Form von „Dingen.“ Und hier sehe ich starke Parallelen zur Weiterentwicklung der Kondratieff-Thesen, von Nefiodow. Kondratieff entwickelte die Thesen der langen Wirtschaftszyklen, wobei eine technische Erfindung der Anstoß für einen konjunkturellen Aufschwung war, sofern er in der Gesellschaft die geeigneten Bedingungen zur Umsetzung vorfand. Nefiodow baute darauf auf und sieht unter anderem einen nächsten Aufschwung darin, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

    Und an diesem Punkt sind wir genau bei den Aussagen von Micic, nämlich indem Unternehmen sich als „Bereitsteller erwünschter Wirkungen“ verstehen. Das verbraucht keine Ressourcen aus der Natur; und insofern ist Wachstum nahezu unbegrenzt möglich. Doch möchte ich die Aussage von Micic noch an zwei Stellen ergänzen. Stellt er es für Unternehmen erstens ab auf den Absatz, also auf Produktion oder Dienstleistung, so sehe ich selbst im produzierenden Gewerbe Wachstumschancen, nämlich da, wo der Kunde wieder als Mensch gesehen wird. Was ich meine?

    Schauen wir uns um, was uns bei anderen Unternehmen ärgert! Meist sind es Unaufmerksamkeit, Gedankenlosigkeit, Sparen auf Kosten der Kunden, usw. Der schnelle Einkauf im Supermarkt und dann die lange Schlage vor der Kasse. Am Telefon die Verbindungsschleifen, wo eine freundliche Stimme zum x-ten Mal geduldig dasselbe fragt, Doch Sie selbst wollen etwas ganz anderes, was sie nicht abfragt. Wenn nur noch eine Hilfskraft in einem Callcenter Ihren Anruf entgegen nimmt, dann ein Computerprogramm befragt und, wenn dieses keine Antwort weiß, wird man zum nächsten Mitarbeiter weitergeleitet, der auch nur seinen Computer hat, usw. Niemand kennt mehr die Zusammenhänge, wenn sie nicht mit einprogrammiert sind. Diese Liste an Ärgernissen kann jeder beliebig verlängern. Dabei sollte eines klar sein: Wo andere Fehler machen, kann man selber am leichtesten punkten. Es geht also letztendlich darum, nicht nur ein gutes Produkt, sondern mit diesem Produkt einen exzellenten Service zu liefern.

    Zweite Ergänzung: Unternehmen sollten in dieser Weise nicht allein auf die Kunden schauen, sondern auch auf die Mitarbeiter: denn das sind diejenigen, die die größte Nähe zu den Kunden haben und letztendlich deren Wünsche erfüllen sollen. Und auch Mitarbeiter sind Menschen! Wer sie wieder als Menschen sieht, mit ihren ureigenen Bedürfnissen, wird die größeren Chancen haben, gute Mitarbeiter ins Boot zu bekommen. Um nicht mißverstanden zu werden: Es geht nicht darum, sozusagen Hängematten für die Mitarbeiter auszubreiten. Im Gegenteil! Und die Hidden Champions machen längst vor, wie es geht. Durch wertschätzenden Umgang mit ihnen erzeugen sie Loyalität, und dann sind die Mitarbeiter darauf bedacht, daß es dem Unternehmen gut geht, weil sie wissen, dann geht es auch ihnen gut. Erreicht wird zudem so etwas wie: „Alle wissen mehr als einer.“ Das entlastet zum einen den Chef, andererseits werden nun auch neue Führungsqualitäten gefordert. Führungskräfte haben dann dafür zu sorgen, daß ihre Mitarbeiter einen guten Job machen können.

    Diese Entwicklung kann man zusammenfassen: Werte werden wieder wichtig. Und das trifft auch den Kern. Denn wo die Ökonomen einst alles „abstrahierten“ (heißt: wegzogen), was nicht zu berechnen war, oder auch das Qualitative ins Quantitatives zu übertragen versuchten, letztendlich in Geldwerten, wobei also Werte im großen und ganzen hinten herunter fielen, so stellt man heute umgekehrt die Frage nach dem Wert des Geldes. Die Finanzkrise macht es möglich.

    www.kloeppel-beratung.de

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  • Malte W. Wilkes ist Seniorpartner der Management Consultancy Erfolgsketten Management Wilkes Stange GbR, Redner, Moderator, Diskutant, Buchautor, Pionierexperte in Customer Centricity und Ehrenpräsident des BDU Bundesverband Deutscher Unternehmensberater.