Perfektes Marketing gibt es nicht!

23.11.2012.  Allerorten zieht die Marktwirtschaft Kritik auf sich, immer öfter sind professionell marketingorientierte Unternehmen und insbesondere die kommunikationsintensiv Agierenden betroffen. „Too much“ ist noch die fairste Beurteilung der vermeintlichen Zielgruppe. Zur lapidaren Feststellung des Information Overload gesellt sich Reaktanz, die Konsumenten resignieren nicht mehr nur ob der Informationsflut, Pseudo-Innovationen oder der Werbeblasen, sie opponieren auch. Inzwischen nicht mehr nur durch Weggucken, Wegzappen, Konsumverzicht, sondern auch durch organisierten Widerstand.

Verbraucherschutzorganisationen haben Zulauf, Selbsthilfegruppen formieren sich, no-frills und Schnäppchenjagd sind Statussymbole, alle Medien greifen publikumswirksam die Beispiele des Übertriebenen, Überzogenen, Desinformierenden, Manipulierenden auf und prangern an. Mal sehr ernst, mal augenzwinkernd. Man lese nur einmal Marcus Rohwetters Quengelzone in Die Zeit, bspw. Nr. 42 vom 11. Oktober, S. 29: „Liebe Marketingleute, ich weiß ja, dass es schwierig ist, ein Produkt als neu erscheinen zu lassen, das bereits hundertfach vorhanden ist. Doch wenn es eins weniger geben würde, wäre das auch nicht weiter schlimm. Marketeers exkulpieren sich mit dem Konstrukt des mündigen Konsumenten, der um seine Umwerbung weiß und Konsumentscheidungen reflektiert trifft (manchmal ex ante, meistens ex post, das macht aber nichts, denn „nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ und sie gehen vom lernenden Subjekt aus). So weit so gut.

Plattes Verkaufen, Überflüssiges, Nebensächliches und Doppeltes - woran liegt's?


Woran liegt es, dass Unternehmen immer häufiger des aufdringlichen, aufschwatzenden, platten Verkaufens von Überflüssigem, Nebensächlichem, Doppeltem bezichtigt werden? Vielleicht weil bei uns in den Breitengraden die Grundbedürfnisse gedeckt sind. Und weil auf Basis dieser Grundlinie des Wohlstands die Menschen nach Sinn streben, und Unsinn erstens Erkennen und zweitens unter Anwendung von gesundem Menschenverstand vermeiden wollen. Sinnvolles tun, Nutzen stiften, sich und andere nach vorne bringen, sich und die Gesellschaft weiterentwickeln, Lebensstandard vor allem für die Nachkommen verbessern ist der Anspruch und nicht Täuschung, Verschwendung, Wertevernichtung. Und wenn nicht wir, wer denn dann soll hier den Vorreiter machen?

Wenn diese Wahrnehmung stimmt, fehlt den Unternehmen der Schlüssel, um von quantitativem zu qualitativem Wachstum zu gelangen. Mit Betriebswirtschaftslehre allein ist dem nicht beizukommen, es braucht interdisziplinäre Bereicherung. Nur leider muss wohl Malik und Maucher Recht gegeben werden, dass den (Marketing-)Managern eine gewisse Belesenheit inklusive des Interesses an Kultur und anderen Bereichen, die nicht originär mit dem Unternehmen zu tun haben, abgeht.

Am Wissen um Marketing liegt es nicht, dass die Qualität leidet: Bücher, Kongresse wie Seminare und Vorlesungen heißen Marketing 3.0, werteorientiertes Marketing, Moderne Markenführung, sie gibt es in jeder Fasson und seit die Schüler von Kotler und Meffert selbst publizieren, hat kein Wirtschaftswissenschaftler die Chance, unberührt daran vorbeizukommen. Corporate Social Responsibility, Sustainability, Green Marketing hat vor Jahren in die Curricula der Universitäten und Geschäftsberichte der (Dax-)Unternehmen Einzug gehalten. Fallstudien zu fast allem sind bekannt, Expertise ubiquitär verfügbar – beides ist, wenn nicht umsonst, so doch bezahlbar jedermann zugänglich.

Dann liegt es vielleicht an der Anwendung des Wissens. Eine bemerkenswerte Zusammenfassung all diesen Wissens liest sich wie folgt: „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann“ (Saint-Exupéry). Beschreitet der Marketing-Manager die Via Negativa, den Weg des Verzichts, des Weglassens, des Reduzierens, um Perfektion zu erlangen, dann ist er auf dem Weg, Marketing besser zu machen. Er wird einsehen, dass es viele Wege nach Rom gibt und, ja, dass man nicht wirklich sagen kann, was perfektes Marketing ist und wie erfolgreich es damit sein Unternehmen macht. Man lernt aber, was Perfektion verhindert und was dementsprechend Erfolge beschränkt oder Erträge, (Unternehmens-)Existenzen oder Wohlstand vernichtet. D.h. übersetzt für das Marketing-Management: Wir brauchen nicht auf Teufel komm raus mehr Produkte, weitere Preisdifferenzierungen, mehr Place oder neuartige Promotions, nur um der Anwendung unseres Wissens wegen. „Wir brauchen nur weniger Fehler“ (Dobelli). Der Weg zum Perfekten führt über den Verzicht, das Weglassen, das Minimalisieren. Gleichbleibender Ertrag bei weniger Mitteleinsatz wäre in Westeuropa qualitatives Wachstum – weniger Marketing wäre mehr.

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Kommentare (2)

  • 11.12. 19:40Spam melden
    [2] Dr. Peter Traumann

    Ja, Ja, Ja, lieber Herr Kricsfalussy, Sie haben die richtigen Gedanken mit den richtigen Worten bestens formuliert.DasStreben nach der Einzigartigkeit eines Angebots verleiotet zum sprachlichen "blow up" - in briefings, in endlosen Sitzungen, in Anzeigentexten, in Verkaufsprospekten e. t. c., - und auch in booklets von Unternehmensberatern.
    Schließlich ertrinkt alles in denglscher Logorö (Sprachdurchfall).

    `Einfach, gradlinig, stetig` hilft Menschen
    Persönlichkeit und Produkten/Dienstleistungen
    Einzigartigkeit zu gewinnen.

    Perfekt wird Marketing damit nicht, aber glaubwürdig!

    Ihr Peter Traumann




  • 05.12. 18:15Spam melden
    [1] Dr. Jörg Ehmer

    Lieber Herr Kricsfalussy,

    wie Recht Sie haben! Endloses Gefasel und Redundanz sind allzu oft ein lieb gewordenes Ritual ohne Mehrwert. Egal ob in endlosen Powerpoint-Chartschlachten schlechter Marketiers oder in lausigen Verkaufsgesprächen schlechter Vertriebler: die Zeitdiebe lauern an allen Ecken. Es lebe der gute alte Elevator-Pitch. Wer Führen will, der muß auch Führen - und nicht wabern lassen. Das gilt gleichermaßen im Verhältnis zum Kunden wie zum Mitarbeiter.

    Danke für Ihren gelungenen Beitrag, es grüßt Sie herzlichst Ihr

    Jörg Ehmer

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