Organspende gehört nicht in Werbers Hand

16.08.2013.  Organspenderausweise gehen nicht wie geschnittenes Brot. Kriminelle ärztliche Energie soll die Schuld dafür tragen. Mediziner manipulierten Daten, um Patienten außer der Reihe zu einem Organ zu verhelfen. Doch tatsächlich wird auch in der Kommunikation getrickst und schöngeredet. Sie ist in der Hand von klassischen Werbern und PR-Leuten.

Werber und PR-Leute sind auftragsmäßig parteiisch. Sie reden schön und diskutieren auch offen, ob PR nicht auch mal Lügen darf. Sie sind von Berufs wegen einseitig.
Doch nicht überall entspricht das der Würde des Menschen und der thematischen Angemessenheit. Die Infokampagnen und Kommunikationsentwickler für die Organspende verstehen die Probleme nicht, die man aus Sicht der Spender diskutieren muss:

1. Lautes Schweigen zur Partizipation
An wen geht eigentlich die Organspende? Zu wenig kommuniziert man uns dazu. Ist es ein Verfahren kühl wie im Warenwirtschaftssystem: fifo gleich first in first out? Oder muss es Regeln geben, wer ein Organ dringender braucht? Der hochbetagte Schwerstkranke oder der Jüngere? Eine Partizipation des Spenders ist nicht vorgesehen.

2. Plakative Anzeigen ohne Inhalt
Das Bundesgesundheitsministerium fährt aktuell eine Organspendenkampagne: „Das trägt man heute: den Organspendeausweis“. Kathi William, Olympiasiegerin im Biathlon, formuliert als Testimonial: „Entscheidung getroffen!“. Wenn man nicht gerade Personen mit höchster Reputation und einem Bekanntheitsgrad wie Schmitz Katze (also Helmut Schmidt) nimmt, verpufft dieses wie weiland zunächst die AIDS/Kondom Kampagne. Solche Plakate funktionieren nur dort, wo schon etwas ausdiskutiert ist. Dabei sind Sterben und Tod noch nicht einmal in die Nähe der offenen Debatte gerückt. Vorurteilsfrei und nicht durch pädagogischen Werbe-Image-Leim verklebt.

3. Experten mit Falschsuggestionen
Im Moment übertreffen sich Krankenkassen-Mitgliederzeitschriften zur Organspende. Ein Medizinprofessor eines Ethikinstitutes erzählt blühenden Unsinn, der wie zweifelsfreie Wissenschaft daherkommt. So erleide ja niemand einen Nachteil, wenn der Hirntod festgestellt worden sei. Es ist eben nicht unumstritten, dass der Hirntod das Ende darstellt. Es ist keine esoterische Annahme, dass Bewusstsein und Bewusstheit auch außerhalb des Gehirns stattfinden kann. Der Deutsche Ethikrat hat sich dazu sehr differenziert geäußert www.ethikrat.org/dateien/pdf/infobrief-2012-01-web.pdf.

Wer keine lebensverlängernde Apparatemedizin will sollte wissen, dass er für eine Organspende genau an diese wieder angeschlossen wird. Muss man dieses nicht als Lebensverlängerung werten, wenn man vorher einen Arzt mit Strafe bedroht, ohne dreimal gesicherte Patientenverfügung gerade die Intensivmaschinen nicht abzustellen? Wie ethisch ist es, darüber schweigend hinweg zu plappern?

Zum Organspenderausweis werden sich, so meine Prognose, mögliche Spender nicht in Heerscharen durch ihre Kassen und deren Werber und PR-Leute überreden lassen. Es fehlt an Würde, Offenheit, Transparenz und die Möglichkeit, dass der Spender für sich auf der Basis wertneutraler Informationen individuell nach seinen Werten entscheiden kann.

Die Kommunikation müssen die Verantwortlichen in völlig neue Hände legen. In Hände, die auch ein Herz für Spender und nicht nur für Organempfänger haben.

Über den Autoren:
Malte W. Wilkes ist Seniorpartner der Management Consultancy Erfolgsketten Management Wilkes Stange GbR www.erfolgskette.de in Hamburg, Redner, Moderator, Diskutant, zigfacher Buchautor, Pionierexperte in Customer Centricity sowie Ehrenpräsident des BDU Bundesverband Deutscher Unternehmensberater.

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