Gerade jetzt: Wertschätzung führt zu Wertschöpfung

06.05.2009.  Ein Plädoyer für Respekt gegenüber Mitarbeitern gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Denn Mitarbeiter sind nicht Teil des Problems. Im Gegenteil. In ihnen steckt die Lösung. Man muss sie nur machen lassen.

Gerade in schwierigen Zeiten neigen Manager oft aus Unsicherheit dazu, straffere Strukturen und Prozesse überzustülpen. Gestaltungsräume von Mitarbeitern werden begrenzt. Mitarbeiter empfinden sich dann als unzureichend eingebunden. Sie fühlen sich und ihr Wissen wenig wertgeschätzt, sich schlichtweg entmündigt. Das frustriert. Und das gerade jetzt, wo Motivation, Engagement und neue Ideen gefragt wären.

Dabei sind die Mitarbeiter mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen aus der täglichen Arbeit am besten dafür geeignet, neue Lösungen zu erarbeiten, Einspar- und auch Wachstumspotenziale zu identifizieren und auch zu realisieren. Das Motto: „Lass es die Mitarbeiter machen!“ Und dies nicht allein aus Gründen der Menschenliebe, sondern gerade auch aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen heraus.

Dazu ein Fall, von dem mir Maren Hessler von Kessels & Smit berichtete. Es ist ein gutes Beispiel dafür, was die Mitgestaltungskraft von Mitarbeitern Unternehmen nachhaltig erfolgreicher machen kann:

Die Unternehmensleitung eines Bierproduzenten gibt vor, der Absatz solle um 15 Prozent gesteigert werden. Darauf hin wird ein vertikales Team gebildet, das gemeinsam eine neue Vertriebsstrategie erarbeitet. Zum Team gehören beispielsweise ein Geschäftsführer, der Marketingdirektor, der Brandmanager, ein Key Account-Manager und ein „Vertreter aus dem Feld“. Das Team stellt fest, dass das Ziel nur dann erreicht werden kann, wenn sich die Kultur ändert – hin zu einer Kultur, die die Zusammenarbeit, den Informationsaustausch, schlicht das Miteinander fördert.

Ausgangspunkt der Betrachtung sind die Vertreter und ihre tägliche Arbeit. Die Vertriebler sollen entlastet und bestmöglich unterstützt werden. Dafür wird ein Callcenter eingerichtet. Hier sollen künftig die Bestellungen aufgenommen, Fragen nach Lieferzeiten beantwortet, die Rechnungslegung veranlasst werden. Denn die Vertreter sollen sich auf ihre Kernaufgabe konzentrieren können: den Verkauf. Die Telefonistinnen laden die Vertreter ins Callcenter ein, stellen die Abläufe vor und fragen: „Was müssen wir tun, damit ihr als Vertreter noch besser arbeiten könnt?“ Gleichzeitig begleiten Callcenter-Mitarbeiter Vertreter bei der Arbeit und lernen deren Tätigkeiten kennen.

Die Vertreter werden zudem – ein Novum – dazu eingeladen, bei Kunden ihrer Wahl neue Ideen auszuprobieren und so mit neuen Ansätzen zu experimentieren. Bedingung: Sie müssen die Erfahrungen mit den anderen teilen, also über Erfolge und auch Misserfolge berichten. Wenn eine Idee gut funktioniert, wird sie übernommen. Das Zeitinvestment: sechs Monate. Das Ergebnis: Eine Steigerung des Absatzes um 20 Prozent. Prozesse und Strukturen wurden nicht von oben verordnet. Miteinander wurde Neues geschaffen – mit großem Erfolg.

Das Plädoyer muss lauten, gerade jetzt Mitarbeiter ernst zu nehmen, offen mit ihnen zu kommunizieren, sie wertzuschätzen und mitgestalten zu lassen. Aber eben nicht nur jetzt, denn Unternehmen werden mit einer dynamischen Kultur generell erfolgreicher sein. Dabei gilt: Die Sprache des Managements ist der Prozess. Denn der Prozess hin zu einer Lösung – also das Wie – zeigt die Haltung des Managements.

Mitarbeiter konsequent mitwirken zu lassen und dabei als Führungskraft lediglich Einfluss zu nehmen, zeugt von Wertschätzung – und übrigens auch von Klugheit und Selbstsicherheit. Wenn Mitarbeiter in Gruppen Probleme identifizieren und sukzessive Lösungen erarbeiten, führt die gemeinsame Arbeit zu einem nachhaltigeren Erfolg, weil Mitarbeiter ob ihrer Freiheit und ob des Vertrauens mehr Verantwortungsgefühl empfinden und noch mehr Engagement zeigen werden.

Mirko Kaminski ist Geschäftsführer der Agenturgruppe "achtung!".
6. Mai 2009

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