Freude am Verzicht

16.09.2011.  Mehr durch weniger? Wer den realen Kontakt sucht und im Gespräch aufmerksam zuhört, wird mit einem nuancierten Spannungsfeld in der Lebens- und Wertewelt der Generation 50plus konfrontiert. Sie scheinen das Vorzeichen ihres Suffixes in ‚Generation 50minus‘ zu drehen – denn ihre Maxime lautet häufig: „Freude am Verzicht“. Aber, und das ist das wirklich Überraschende, ohne jegliches Vermissenserlebnis.

Ohne einen Ton des Beklagens äußern sie sich über ihre Erfahrungen, dass sie heute nichts mehr schaffen. Im Gegenteil, ihre optimistisch-gelassene Freude erwächst daraus, dass morgen ja auch noch ein Tag kommt. Wenn sie auf Tennis verzichten müssen, weil die Grundschnelligkeit nur noch für langatmige Grundlinien-Duelle reicht – kein Problem, statt Tennis lässt sich mit gediegenerem Tanzen genauso viel Spaß haben.

Im Kontrast dazu befindet sich eine scheinbar einhellige Meinung der Außenstehenden und ihrem Mantra der überbordenden Völlerei eines ‚Immer mehr, immer weiter, immer besser‘. Das Etikett „Marketingchance der Zukunft“ wird fest an die Brust von Best Agern, Silver Surfern, Woopies oder Master Consumern geheftet. Zu eindeutig hat sich bereits seit Dekaden ein Tenor der kaufkräftigsten, wachstumsstärksten, aufgeschlossensten, aktivsten und fittesten 50+ Generation aller Zeiten herauskristallisiert. So zeigen aktuelle USA-Studien exakt bis auf die Nachkommastelle, dass sich die 55,1-jährigen 7,5 Jahre jünger fühlen. Und wer sich jünger fühlt, der wird ja wohl kaum bereitwillig auf neu gewonnene Möglichkeiten und Freiheiten verzichten wollen.

Auch monetär rechnet sich rund um den Globus offensichtlich das Rechnen mit der Generation 50+. In Deutschland bündeln sich in ihren Händen rund zwei Billionen Euro Nettovermögen, rund 500 Milliarden Euro an verfügbarer Kaufkraft, rund 50 Prozent Tourismusausgaben, rund 80 Prozent aller Neuwagen-Käufe … und, und, und. Kurz: Es herrscht eine harmonische Meinungs-Idylle, in der sich die Konsensgesellschaft noch gegen die aktuelle Modeerscheinung der Protest-/Widerspruchs-Generation offensichtlich behaupten kann.

Um so überraschter fällt der Blick teils auf die Konfrontation mit der Realität. Einer erfahrenen Generation, der es vor allem um Klarheit, Respekt und Ernsthaftigkeit geht, wird mit einer neuen Form der Überzeichnung begegnet. Nicht zu selten werden die alten Klischees vom betreuungsbedürftigen, freudlosen Senior durch neue Stereotype des hyperaktiven Tausendsassas ersetzt. In einem Moment des Innehaltens fällt bei einer differenzierteren Analyse der Fakten das Risiko auf, hier einem Trugschluss zu erliegen. Ja, die Generation 50+ ist unternehmungslustig – aber nicht über Gebühr. So sind zum Beispiel die Konsumausgaben für Entertainment selbst in den USA mit einem Index von 108 nur unwesentlich größer als in der Gesamtbevölkerung. Sollte das „Mehr, Mehr, Mehr“ als Treiber am Ende etwa doch ein Trugschluss sein?

Wohltuend differenzierter klingen da die Stimmen aus dem 6. Altenbericht des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (…welch herrlich friedliche Koexistenz der Generationen): Beschwörend weist er darauf hin, das Alter sei zwar nicht gleichzusetzen mit „Verfall, Krankheit und Abseitsstehen“, aber eben auch nicht mit „Vergnügungssucht und Kreuzfahrten auf Luxuslinern“. Alt ist eben nicht mehr gleich alt. Selbst die „Jungen Alten“ sind nicht immer die „Jungen Alten“. Darin bestätigt uns zunehmend auch die Altersforschung. Paul Baltes, einer der Ur-Ahnen der Altersforschung, zeichnete dazu folgendes Bild: Wenn sich 15-Jährige aus der gleichen Schulklasse zu einer Party träfen, sei ihnen das Alter leicht anzusehen. Bei einem Klassentreffen von 65-Jährigen sei das anders. Da habe man manchmal den Eindruck, als hätte jemand den Vater mitgebracht – und ein anderer seinen Sohn.

Selbst das etablierte Thema „Freude an neu gewonnenen Freiheiten zur Selbstverwirklichung“ muss den harten Zahlen nach unter einem anderen Licht reflektiert werden. Immerhin geben zwar 23 Prozent der 50+ in den USA an, nach ihrem Ausscheiden aus dem Beruf weiterhin aus persönlichen Interesse und Spaß arbeiten zu wollen. Dem stehen allerdings auch 29 Prozent gegenüber, die mit einem Teilzeit-Job rechnen, einfach aus der harten Notwendigkeit heraus, ihr Einkommen aufzubessern. Zusätzliche sieben Prozent haben sich sogar vom Traum des Rentiers verabschiedet und sehen sich später in einer neuen Vollzeitstelle. Ein Verzicht auf dieses Einkommen könnte zu existenziellen Bedrängnissen führen.

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  • Malte W. Wilkes ist Seniorpartner der Management Consultancy Erfolgsketten Management Wilkes Stange GbR, Redner, Moderator, Diskutant, Buchautor, Pionierexperte in Customer Centricity und Ehrenpräsident des BDU Bundesverband Deutscher Unternehmensberater.