Erreichbarkeit nach Feierabend – Fluch oder Segen?

13.07.2011.  Flexibilität ist für Unternehmen und Mitarbeiter das Schlagwort der Stunde. Es besteht allerdings die Gefahr, dass moderne Technologien nicht mehr, sondern weniger Selbstbestimmung schaffen. Laut einer aktuellen Bitkom-Studie sind 88 Prozent der Arbeitsnehmer dank Smartphone nicht nur während der Arbeitszeit immer und überall erreichbar, sondern auch nach Feierabend und im Urlaub. Dieses Ergebnis trägt der Tatsache Rechnung, dass sich das moderne Arbeitsleben in den letzten Jahren stark gewandelt hat.

Im ersten Moment scheinen flexible Arbeitszeiten die ultimative Lösung für alle zu sein, um den modernen Wirtschaftsanforderungen zu entsprechen. Schließlich haben Smartphones und WLAN die Voraussetzung für Echtzeitkommunikation geschaffen und ermöglichen ständige Erreichbarkeit. Gleichzeitig haben sich die traditionellen Kernarbeitszeiten aufgrund der Globalisierung und der internationalen Zusammenarbeit auf den Abend oder die frühen Morgenstunden verschoben. Für Mitarbeiter, die sich am Nachmittag um die Familie kümmern wollen, ist dieser Umstand ein Segen. Eine im Auftrag von Avaya durchgeführte europaweite Studie belegt, dass Mitarbeiter angeben, deutlich produktiver zu sein, wenn sie ihre Arbeitsbedingungen flexibel gestalten können. Und was noch viel wichtiger ist: Ihre Vorgesetzen teilen diesen Eindruck. Die Arbeit im Home-Office oder von unterwegs schafft bekanntlich viele Wettbewerbsvorteile.

Der Segen verwandelt sich allerdings schnell zum Fluch für die Arbeitnehmer, wenn mehr Flexibilität automatisch auch mehr Arbeit bedeutet. Die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeitszeit verschwimmen zunehmend. Doch selbst der willigste Arbeitsnehmer schafft keinen 24-Stunden-Tag, ohne seine Gesundheit zu gefährden. Für viele Mitarbeiter kommt die Arbeit am Abend oder im Urlaub nämlich on top. Das entlastet nicht, sondern sorgt für Dauerstress.

Ziel von Smartphone & Co. war es, die Arbeit zu erleichtern und sie nicht zum allgegenwärtigen Stressfaktor zu machen. Deswegen ist es wichtig, dass die Arbeit nach Feierabend freiwillig ist. Arbeitsnehmer sollten selbst bestimmen können, ob sie beispielsweise nach Erfüllung der familiären Pflichten E-Mails beantworten oder Telefonate führen wollen. Für den ein oder anderen bedeutet es eine Entlastung, anfallende Aufgaben schon am Wochenende zu kennen und direkt zu bearbeiten, anstatt am Montagmorgen in der E-Mail-Flut zu ertrinken. Die Verpflichtung auch während des Familienurlaubs oder bei Krankheit immer erreichbar zu sein, widerspricht dagegen der Fürsorgepflicht des Arbeitsgebers, da notwendige Erholungszeiten so unterwandert werden. Schon alleine aus rechtlichen Gründen müssen Arbeitgeber auf die gesetzlichen Vorgaben und Beschränkungen im Sinne des Arbeitszeitgesetzes achten.

Damit Flexibilität nicht zum Fluch wird, gilt es, ein gesundes Mittelmaß zu finden, bei dem sich Arbeit und Freizeit so vereinen lassen, dass Produktivität und Effizienz der Mitarbeiter in der vorgegebenen Arbeitszeit optimiert werden. Wenn die mobilen Geräte nur dazu dienen den Arbeitstag zu verlängern, ist das nicht effizienter sondern problematisch. Deswegen sind individuellere Arbeitszeitmodelle und ein Umdenken bei den Verantwortlichen gefragt. Im Gegenzug profitieren Unternehmen von motivierten Mitarbeitern.

Markus Härtner ist Managing Director Avaya Deutschland und Head of Sales DACH.
13. Juli 2011

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