Absatzwirtschaft Nr. 10 vom 28.09.2018 Seite 004

Gast-Editorial

Tabula rasa


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Wir zerfetzen die Sicherheiten der vertrauten Welt, treten ihre Regeln in die Tonne und machen alles, alles neu.
Ja, uns beschwingt der Geist der Disruption.
Wir sprengen die Fesseln des Hier und Jetzt, alles wird auf Anfang gesetzt.
Und los!

Jedem Anfang wohnt ja angeblich ein Zauber inne, bei der Disruption ist es eher ein freudiger Grusel.
Denn wir haben uns eingerichtet in unseren Komfortzonen, in denen wir uns kreative Freiräumchen erkämpfen.
Wir Helden des Klein-Kleins.

Unsere Welt scheint festgezurrt, ihre Komplexität geregelt bis in die Spiegelstriche von Compliance-Vorschriften und Corporate Identities.
Safe.
Und ein bisschen langweilig.
In dieser Welt ist Disruption ein Versprechen.
Pioniergeist ist gefragt, Aufbruch in Terrae incognitae.
Und die neuen Regeln dort, die machen wir selbst.
Das ist das Versprechen der Disruption.

Das Internet war so ein disruptiver Game Changer, künstliche Intelligenz wird der nächste sein.
Und heute?
Ist die Blockchain dran, deren disruptives Potenzial ich bislang unterschätzt hatte.
Jederzeit überprüfbare und nicht manipulierbare Transaktionen und Verträge?
Fein.
Verzicht auf teure menschliche Überprüfer?
Noch feiner.
Die Blockchain sah ich als transparentes, schnelles, billiges Mittel zum Zweck in einem überschaubaren Einsatzgebiet.

Zu kurz gesprungen, wie ich in dieser Ausgabe von absatzwirtschaft lerne.
Die Blockchain hat das Potenzial, auch das Marketing zu revolutionieren.
Sie verschiebt die Macht zu den Nutzern, die sich - erstmals überhaupt! - entscheiden können, von Werbung verschont zu werden.
Wird keiner machen, behaupten die Werber, tolle Werbung komme immer an.

Sorry, aber das ist ebenfalls zu kurz gesprungen.
Falls die Blockchain dieses Potenzial jemals ausspielt und das "Verschont uns!"-Echo mit Donnerhall in den Ohren dröhnt, stolpert die klassische Werbung in eine fundamentale Identitätskrise.
Ihr wollt Disruption?
Dann kriegt ihr Disruption!
Keine Bange, das ist nicht das Ende der Werbung.
Sondern der Beginn eines (letztlich gar nicht so) neuen und besseren Verständnisses von Werbung, in der es verstärkt um Markenpersönlichkeit, Markengeist und Markenhaltung geht.
Um Stil und Raffinesse, um die Botschaften mit Fingerspitzengefühl zu vermitteln.
Deshalb ist mir nicht bang vor dieser Disruption, nein, ich freue mich darauf - ganz ohne Grusel.

Tom Leifer


Descriptoren:Internetwerbung
Marketing
Werbung
Werbung und Marketing

Land:Bundesrepublik Deutschland C4EUGE

Länderfacette:Werbung und Marketing

Datum:28.09.2018 00:00:00


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